Ein Koloss für das neue Polizei- und Justizzentrum

Das Polizei- und Justizzentrum in Zürich ist ein aussergewöhnlicher Bau: Es wird nicht nur Büros enthalten, sondern auch einen Gefängnistrakt, eine Turnhalle, eine Tankstelle und eine grosse Einfahrt für Sattelschlepper. Dementsprechend aussergewöhnlich sind die Anforderungen an das Gebäude: Dessen Tragkonstruktion muss einer hohen Belastung standhalten. Das erfordert ungewöhnliche planerische Massnahmen – und eine einzigartige Aktion auf der Baustelle.

 
 
 

Über Funk gibt der Polier das erste Kommando an die beiden Kranführer. Diese setzen ihre Maschinen in Bewegung. Die Ketten ziehen sich langsam straff, dann schwebt der gewaltige Stahlpilz über dem Boden. Gut drei mal drei mal einen Meter misst das zwölf Tonnen schwere Ungetüm. Die beiden Baukräne heben den Pilz zusammen immer höher. Scharf beobachtet von Marius Egger. Er ist Bauingenieur Hochbau bei Basler & Hofmann und hat gemeinsam mit seinen Kollegen Tanja Pfeiffer und Sebastian Villiger, die heute auch auf der Baustelle sind, und vielen weiteren Beteiligten die Tragkonstruktion des neuen Polizei- und Justizzentrums (PJZ) in Zürich geplant. Dazu gehört auch der riesige Stahlpilz, der durch das eben gestartete Manöver an seinen Platz gesetzt werden soll: auf eine Stütze aus Stahlbeton im zukünftigen ersten Untergeschoss des PJZ – ähnlich wie ein Pilzhut auf seinem Stängel. Zusammen mit Marius klettern wir auf ein Baugerüst, von dort aus hat man den besten Überblick. «Die Kranführer müssen extrem gut zusammenarbeiten, damit alles klappt», erklärt er.

 
 
Zwölf Tonnen schweben in der Luft: Um den Stahlpilz zu versetzen, müssen sich die beiden Baukräne genau abstimmen.
 
 

Einer der grössten Stahlpilze der Schweiz

Es ist Mittwoch, 17.30 Uhr, vor einer halben Stunde war Feierabend auf der Baustelle. Längst hat sich das Areal des neuen PJZ geleert, nur die für den Stahlpilz zuständige Gruppe von Bauleuten und Planern ist noch vor Ort. «Für das, was wir vorhaben, ist besser niemand im Weg», sagt Marius Egger. Zwar ist der Verbau von Stahlpilzen an sich nichts Ungewöhnliches. Sie vergrössern die Stützfläche und verteilen somit die Kraft besser, mit der diese die Decke und die darüber liegenden Stockwerke trägt. Auf diese Weise lässt sich verhindern, dass stark beanspruchte Stützen durch die Decke durchstanzen. Allerdings sind normale Stahlpilze rund 40 Mal leichter als der Koloss, der hier im PJZ Zürich verbaut wird. Rund 600 Arbeitsstunden waren für seine Herstellung nötig. Normalerweise reicht auch ein einzelner Baukran, um einen Pilz zu setzen. Dass zwei Kräne, respektive zwei Kranführer, zusammen ein derartiges Manöver durchführen, ist etwas ganz Spezielles und eine knifflige Angelegenheit: Die Maschinen müssen die schwere Last exakt koordiniert aufheben, gemeinsam durch die Luft transportieren und schliesslich auf den Zentimeter genau platzieren. «Das Ganze ist ziemlich aussergewöhnlich», sagt der Bauingenieur nicht ohne Stolz.

 
 
Marius Egger und Sebastian Villiger begutachten den Stahlpilz ein letztes Mal, bevor ihn die beiden Kräne dann hochheben.
 
 

Filigranes Manöver

Für das Manöver hat das Team aus Bauleuten den Zwölf-Tonnen-Koloss mit Ketten an einer horizontalen Stahlstrebe befestigt, die wiederum mit je einem Ende an den Haken der beiden Kräne hängt. Idealerweise sollte die Stahlstrebe immer in der Horizontalen sein, sodass beide Kräne genau die halbe Last des Stahlpilzes tragen. Im Moment aber, zirka drei Meter über Boden, ist die Kette leicht schräg. Marius Egger runzelt die Stirn. «Nicht gut», sagt er. Je schräger die Strebe hängt, desto einseitiger verteilt sich die Last zwischen den beiden Kränen. Und desto grösser das Risiko, das eine der Maschinen das Gewicht nicht mehr zu tragen vermag. Die Kranführer müssen korrigieren. Der Stahlpilz schaukelt in der Luft, währenddem sich das Stahljoch wieder waagrecht positioniert. Dann geht es weiter, immer höher schwebt der Pilz und bewegt sich in Richtung der Stütze, auf der er montiert werden soll.

Aussergewöhnliche Lösungen gefragt

Nötig ist das knifflige Manöver auf dem Areal des ehemaligen Güterbahnhofs in Zürich Aussersihl-Hard, weil das neue Polizei- und Justizzentrums ein äusserst ungewöhnliches Gebäude ist. Im 280 Meter langen und 115 Meter breiten Bau werden ab dem Jahr 2021 Einheiten von Polizei und Justiz zusammengezogen, die heute noch auf zirka 30 Standorte verteilt sind. Darunter Abteilungen der Kantonspolizei, der Staatsanwaltschaft und der Polizeiwissenschaften.

 
 
Blick über die Baustelle des PJZ.
 
 

Dazu kommen ein vierstöckiger Gefängnistrakt, ein Sprengstoffraum, die Polizeischule inklusive zweier Dojos und einer Turnhalle sowie eine eigene Tankstelle. Im ersten Untergeschoss gibt es ausserdem eine grossräumige Halle, in welcher in Zukunft Sattelschlepper für die Ver- und Entsorgung, Reisecars der Kapo oder Einsatz- und Spezialfahrzeuge Platz zum Manövrieren finden müssen. «Weil das Gebäude so viele unterschiedlich grosse Räume hat, ist auch dessen Tragkonstruktion ungewöhnlich», sagt Tanja Pfeiffer, die den Rohbau mitgeplant hat. Vor allem das erste UG mit der Sattelschlepper-Einfahrt war eine Herausforderung: Dort haben wegen des grossen Raumbedarfs der Fahrzeuge nur wenige Stützen Platz. Umso grösser ist die Belastung, der eine einzelne Stütze standhalten muss. Darum braucht die Hauptstütze des ersten UG auch einen so grossen Stahlpilz.

Auf den Zentimeter genau

Inzwischen ist Marius Egger für seinen Geschmack zu weit weg vom Geschehen, wir steigen vom Baugerüst hinunter, eilen in den Nebentrakt, dort die Betontreppe hoch und erreichen schliesslich über eine Leiter die Schalung für die Decke des ersten UG. Dort ragt die Stütze einige Zentimeter über die Holzbretter hinaus – und darüber schwebt mittlerweile schon der Stahlpilz. Auf dem Holz markiert ein rot gemaltes Quadrat, auf welcher Position er abgestellt werden soll. Eine Hand voll Bauleute versammelt sich um den Pilz, drückt und zieht am 12-Tonnen-Koloss, um ihn auszurichten. Auch Marius packt mit an. Perfekt ausgerichtet legen die beiden Kräne in zentimetergenauer Zusammenarbeit den Stahlpilz auf der Stütze ab.

 
 
Marius Egger und die Baumannschaft hilft den Kränen, den Stahlpilz präzis zu platzieren.
 
 

Marius geht um den Pilz herum, der weit über seine Stütze mit einem Durchmesser von 60 Zentimetern hinausragt. Er überprüft den Abstand zur Schalung darunter. Auf jeder Seite soll der Abstand zwischen Schalung und Pilz mindestens zwei Zentimeter betragen. So wollen es die Brandschutzvorschriften. Später wird dieser Spalt zusammen mit dem Stahlpilz in die Decke einbetoniert, und eben diese zwei Zentimeter Beton sind als dessen minimale Umhüllung vorgeschrieben. Marius Egger misst nach: Eine Ecke des Stahlkolosses liegt einige Millimeter zu tief. Also müssen die Kräne den Stahlpilz nochmals anheben und um 90 Grad drehen. Wieder wird er zentral auf der Stütze abgestellt. Und wieder kontrolliert Marius die Abstände. Endlich: «Überall mehr als zwei Zentimeter», meldet er. Erleichtert richten sich Bauleute und Planer auf, nicken einander zu. Morgen sind die Schweisser dran. Sie verbinden den Stahlpilz mit der Stütze. Für heute aber geht der letzte Funkspruch an die beiden Kranführer: «Feierabend.»

 

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