Erneuerbare Energien
25. März 2026 – Beitrag

Axpo Energy Reports: Wie kann die Schweiz ihre Stromversorgung sichern?

Der Windpark Gütsch, einer der aktuellen Windparks in der Schweiz (Copyright: EW Ursern)

Die Schweizer Energiepolitik steht unter Druck: Die Dekarbonisierung, das Bevölkerungswachstum und die Digitalisierung erhöhen den Strombedarf. Gleichzeitig wird mit dem Ausstieg aus der Kernenergie mehr als ein Drittel der inländischen Winterstromproduktion wegfallen. Die Axpo präsentierte diese Woche eine umfassende Analyse, welche Technologien den benötigten Winterstrom liefern können. Fazit: Es gibt zwei Szenarien – mit und ohne neue Kernkraftwerke. Basler & Hofmann hat für die «Axpo Energy Reports» die kantonalen Richtpläne der Schweiz für Windenergie und die Umsetzung des kantonalen Plangenehmigungsverfahrens analysiert.

An der Medienkonferenz vom 24. März 2026 präsentierte die grösste Schweizer Stromproduzentin Axpo Ansätze, wie sich die Schweiz künftig mit Strom versorgen kann: Ihre «Axpo Energy Reports» zeigen, dass die Schweiz den benötigten Winterstrom mehrheitlich im eigenen Land produzieren und die Stromversorgung auch im Winter langfristig sichern kann – mit einer Kombination verschiedener Technologien. Basler & Hofmann hat für den «Windreport» die kantonalen Richtpläne für Windenergie analysiert: Konkret ging das Windenergie-Team von Basler & Hofmann der Frage nach, wo die Kantone heute bei der Ausweisung von Eignungsgebieten sowie bei der Festlegung eines Plangenehmigungsverfahrens für Windenergie stehen.

Zwei Szenarien für die Stromversorgung der Schweiz

Im Synthesebericht kommt die Axpo zum Schluss, dass es für eine verlässliche, emissionsarme und bezahlbare Stromversorgung der Schweiz zwei Szenarien gibt: 

  • Szenario 1 besteht aus einem Mix aus Wasserkraft, mehr Photovoltaik, deutlich mehr Windkraft sowie einigen marktaktiven Gaskraftwerken, in Kombination mit dem Langzeitbetrieb der bestehenden Kernkraftwerke.
  • Szenario 2 sieht den Neubau von zwei Kernkraftwerken, Wasserkraft, mehr Photovoltaik, mehr Windkraft und marktaktive Gaskraftwerke vor. 
     
Ausbau der Windenergie ist zwingend notwendig

Gemäss der Axpo müsste die Windenergie ausgebaut werden, unabhängig davon, welchen der zwei Wege die Schweiz letztlich einschlägt. Wind sei hinsichtlich Winterstrom besonders kosteneffizient und erbringe rund zwei Drittel des Ertrags im Winterhalbjahr. Um das Potenzial zu nutzen, müsse insbesondere der Beschleunigungserlass des Bundes auf kantonaler Ebene konsequent und schnell umgesetzt werden, so die Axpo. 

Wo stehen die Kantone heute beim Ausbau der Windenergie? Wir haben nachgefragt bei Jonas Müller, Teamleiter Windenergie bei Basler & Hofmann und Mitautor der Studie «Analyse kantonaler Richtpläne für Windenergie in der Schweiz» (Stand Juni 2025), die in die «Axpo Energy Reports» eingeflossen ist. 

In einer Studie aus dem Jahr 2022 kommt das Bundesamt für Energie zum Schluss, dass die Schweiz 30 Terawattstunden Strom pro Jahr mittels Windenergie produzieren könnte. Wie viel davon nutzen wir heute, Jonas? 

Jonas: Wir nutzen das vorhandene Potenzial heute nur marginal. Derzeit sind in der Schweiz 50 Windenergieanlagen in Betrieb. Diese produzieren pro Jahr rund 0,17 Terawattstunden Windstrom, was nur rund 0,2 % der Stromproduktion der Schweiz entspricht.

«Bisher mussten in der Schweiz die Gemeinden für neue Windeignungsgebiete eine kommunale Zonenplananpassung machen. Die Gemeinden haben über diese abgestimmt, woran viele Projekte gescheitert sind.»
Wieso wird in der Schweiz heute nicht mehr Strom mittels Windkraft produziert, während in Nachbarländern wie Deutschland die Windenergie in den letzten Jahren massiv ausgebaut wurde?

Jonas: Bisher mussten in der Schweiz die Gemeinden für neue Windeignungsgebiete eine kommunale Zonenplananpassung machen. Die Gemeinden haben über diese Zonenplananpassungen abgestimmt, woran viele Projekte gescheitert sind. Da gibt es jetzt eine Veränderung. Mit dem Beschleunigungserlass hat der Bund alle Kantone aufgefordert, ein Plangenehmigungsverfahren für Windenergie einzuführen. Dieses entzieht den Gemeinden in wesentlichen Punkten die Kompetenz, Nutzungszonen für die Windenergie auszuweisen und Bewilligungen zu erteilen, und setzt dies direkt bei den Kantonen an. Es gibt in der Umsetzung schon auch noch feine Unterschiede, wie der Erlass in den einzelnen Kantonen umgesetzt wird, beispielsweise ob die Standortgemeinde nur angehört wird oder ein Veto-Recht hat.

Ihr habt für die «Axpo Energy Reports» die kantonalen Richtpläne für Windenergie in der Schweiz analysiert. Was genau habt ihr untersucht? 

Jonas: Wir haben geprüft, ob die Kantone bereits Eignungsgebiete ausgewiesen haben und wenn ja, wo die Kantone im Richtplanverfahren stehen. Dann haben wir beurteilt, was das theoretische Ertragspotenzial der Eignungsgebiete ist, die sich in Ausweisung befinden. Anschliessend haben wir dieses Potenzial zum Potenzial der Studie des Bundesamts für Energie von 2022 in Bezug gesetzt und unser errechnetes Potenzial auch mit den kantonalen Ausbauzielen für Erneuerbare Energien, dem kantonalen Endenergieverbrauch heute und dem vom Kanton prognostizierten Endenergieverbrauch 2050 verglichen. 

Was sind die Schlüsselresultate der Studie?

Jonas: Wir konnten aufzeigen, wo die einzelnen Kantone in Bezug auf die Richtplanung und die Ausweisung von Eignungsgebieten für Windenergie stehen. Festgesetzt oder im Prozess dazu waren bis Juni 2025 135 Eignungsgebiete. Dazu kommen 57 Gebiete im Zwischenergebnis und 14 in der Vororientierung, zwei Vorstufen zur Festsetzung. Zudem konnten wir den jährlichen Ertrag der identifizierten Eignungsgebiete der Kantone aufzeigen und mit dem prognostizierten jährlichen Ertrag der Studie des Bundesamts für Energie von 2022 vergleichen.

Wie fällt dieser Vergleich aus?

Jonas: Das Delta ist gross: Wir kommen per Juni 2025 mit all den Windeignungsgebieten, die festgesetzt, im Zwischenergebnis oder in der Vororientierung sind, auf rund 7 Terawattstunden. Das ist wenig im Vergleich zu den 30 Terawattstunden, die die Schweiz gemäss der Studie des Bundesamts für Energie pro Jahr mittels Windenergie produzieren könnte. Dass der Ertrag der von den Kantonen benannten Eignungsgebieten tiefer liegt, ist zu erwarten, da die Studie des Bundesamts für Energie eine «Highlevel-Studie» ist, die Kantone für die Ausweisung also detailliertere Analysen gemacht haben. Mit Blick auf diese Diskrepanz und auf den Energiebedarf der Schweiz, insbesondere während den Wintermonaten, ist davon auszugehen, dass auch in Zukunft weitere Eignungsgebiete in den Richtplänen ausgewiesen werden.

Welche Kantone sind bei der Richtplan-Revision und der Ausweisung von Windeignungsgebieten am weitesten?

Jonas: Der Kanton Luzern ist sicherlich gut unterwegs. Er hat ein Plangenehmigungsverfahren, er hat diverse Eignungsgebiete ausgeschieden und er geht das Thema Windenergie allgemein proaktiv an. Er hat zum Beispiel eine Stelle für die Begleitung des Plangenehmigungsverfahrens geschaffen, stellt also Know-how und Ressourcen für das Thema zur Verfügung. 

«Es bringt aus unserer Erfahrung wenig, wenn ein Kanton Eignungsgebiete ausweist, die technisch nicht realisierbar sind.»
Wo siehst du die grössten Herausforderungen für die Kantone bei der Ausweisung der Eignungsgebiete?

Jonas: Eine grosse Herausforderung ist, dass die ausgewiesenen Gebiete auch tatsächlich technisch umsetzbar sind. Es gibt beispielsweise Eignungsgebiete, bei denen die Hänge einfach viel zu steil sind. Bei Basler & Hofmann verbinden wir im Windteam technische Expertise mit Raumplanung und können bei der Beratung der Kantone die technischen Aspekte einbringen. Denn es bringt aus unserer Erfahrung wenig, wenn ein Kanton Eignungsgebiete ausweist, die technisch nicht realisierbar sind. Abgesehen davon gibt es in den Kantonen teilweise auch Opposition von den Gemeinden, gerade in Bezug auf den Landschaftsschutz. Da sind die Kantone gefordert, eine qualifizierte Interessensabwägung zwischen der Windenergie und den Eingriffen in die Landschaft zu machen. Als dritte Herausforderung sehe ich die Verfahren: da fehlt heute teilweise noch die Praxis in den Kantonen: Welche Zonenbestimmungen sind nötig und sinnvoll? Ist eine Mehrwertabgabe geschuldet, weil der Boden mehr Wert hat? Wie kann die Bevölkerung finanziell beteiligt werden? Mögliche Formen der finanziellen Beteiligung an Energieinfrastrukturen konnten wir umfassend für den Kanton Zürich untersuchen und haben das in der öffentlichen Studie «Finanzielle Beteiligungsmöglichkeiten an Windenergieanlagen» publiziert. 

Was empfiehlst du den Kantonen, die noch am Anfang bei der Ausweisung von Eignungsgebieten für Wind stehen?

Jonas: Positiv ist, dass man aus den Erfahrungen anderer Kantone lernen kann. Das machen die kantonalen Fachstellen auch. Ich persönlich empfehle den Kantonen, die technische Machbarkeit bei der Ausweisung stärker zu berücksichtigen.  Wenn man das macht, kann man ziemlich sicher schon einige Eignungsgebiete ausschliessen, den Fokus auf andere Gebiete legen und deren Zweckmässigkeit besser begründen.

«Für den beschleunigten Ausbau der Windenergie braucht es die Plangenehmigungsverfahren der Kantone, einen technischen Reality-Check der Eignungsgebiete und generell eine investitionsanregende Stimmung.»
Gemäss den «Axpo Energy Reports» ist der Ausbau der Windenergie für beide Versorgungsszenarien notwendig. Was könnte den Ausbau der Windenergie in der Schweiz aus deiner Perspektive beschleunigen?

Jonas: Sicherlich die Plangenehmigungsverfahren in den Kantonen. Dann auch einen technischen Reality Check der Eignungsgebiete. Und generell eine investitionsanregende Stimmung. Zusätzliche Gebühren, Auflagen und anspruchsvolle Verfahren können investitionshemmend wirken. Und die Kantone sollten die Windeignungsgebiete immer wieder überprüfen und aktualisieren, also zum Beispiel an neue verfügbare Technologien auf dem Windenergiemarkt anpassen.

Die Studie «Analyse kantonaler Richtpläne für Windenergie in der Schweiz» vom Juni 2025 von Basler & Hofmann erfolgte in Zusammenarbeit mit Michael Steiner, Spezialist für Planungs-, Bau- Erschliessungs- und Umweltrecht von raumwirksam

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