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Nachhaltigkeit
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«Es braucht Hirnschmalz, um etwas zu erhalten»

Roger Dietschweiler in Altbau-Haus
Bauingenieur Roger Dietschweiler liebt alte Gebäude. Er wohnt selbst in einem Haus mit Baujahr 1911.

Erhalten oder abreissen? Noch zu oft entscheiden sich Eigentümerschaften für den Abriss, findet Roger Dietschweiler, Leiter Bauwerkserhalt und Industriebau bei Basler & Hofmann. Im Interview erklärt er, warum sich das Weiterbauen lohnt, was Bauwerke wirklich altern lässt und weshalb so manches Gebäude aus der Hochkonjunktur heute Sanierungsbedarf hat.

Bauingenieur Roger Dietschweiler ist fasziniert von alten Bauwerken wie den berühmten Gewächshäusern Kew Gardens in London. Er schätzt materialsparendes Bauen und durchdachte Konstruktionen. Als Leiter Bauwerkserhalt berät er öffentliche und private Bauherren, die bestehende Gebäude umbauen, erweitern oder sanieren wollen. Sein Team projektiert Instandsetzungen aller Art. Aktuell arbeitet es beispielsweise an der Instandsetzung des denkmalgeschützten Holzheizkraftwerks Aubrugg (ZH), der Sanierung des Eisportzentrums Grabengut in Thun, an Instandsetzungen diverser Parkhäuser sowie denkmalgeschützter Fassaden von Schulen und Wohnhäusern.

Roger, du beschäftigst dich mit dem Erhalt bestehender Bausubstanz. Lässt sich jedes Gebäude erhalten?

Roger Dietschweiler: Mit genug Geld, Zeit und Wissen ist vieles möglich. Wir haben zum Beispiel in Zug ein denkmalgeschütztes Gebäude erhalten, dessen Nutzungsdauer eigentlich vorbei war. Die ältesten Bauteile waren 500 Jahre alt. Das Haus war unzählige Male umgebaut worden. Das Tragwerk hat nur noch gehalten, weil so viele Umbauten ineinander verschränkt waren. Doch das Haus hat einen historischen Wert. Wir haben es geschafft, historische Bausubstanz zu erhalten. Im Austausch mit der Denkmalpflege beurteilten wir fast jedes Bauteil einzeln und entschieden, ob es bleibt, verstärkt oder ersetzt wird. Heute ist das Haus bewohnt und im Erdgeschoss wird ein Café betrieben.

«Als Gesellschaft stehen wir vor der Frage: Wie lassen sich all diese Gebäude aus der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts erhalten?»
Was sind heute die grossen Herausforderungen im Bauwerkserhalt?

Roger Dietschweiler: Die Knacknüsse sind die Gebäude der Zeit der Hochkonjunktur. Als Gesellschaft stehen wir vor der Frage: Wie lassen sich all diese Gebäude aus der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts erhalten? Damals wurde fast alles gebaut, was wir heute sehen. Ein typisches Beispiel ist die Siedlung Hardau II in Zürich aus den 1970er Jahren, die jetzt instand gesetzt wird. Diese Gebäude haben ein Problem, das viele Sichtbetonfassaden aus jener Zeit haben: Die Betonabdeckung über den Bewehrungseisen wurde zu dünn erstellt, was zum Korrodieren der Bewehrung führt. So zu bauen, war damals normgemäss. Man unterschätzte, wie intensiv und schnell die Karbonatisierung durch das CO2 in der Atmosphäre abläuft.

Kommen die Gebäude der Hochkonjunktur jetzt ans Ende ihrer Lebensdauer?

Roger Dietschweiler: Im Bauingenieurwesen sprechen wir nicht von Lebens-, sondern von Nutzungsdauer. Diese Zeitspanne halten wir für die Bauherrschaft in der Nutzungsvereinbarung fest, damit sie weiss, wie und wie lange das Bauwerk genutzt werden kann. Bei der Nutzungsdauer geht man immer davon aus, dass eine Instandhaltung stattfindet. 

Im Infrastrukturbereich, bei Strassen oder Brücken, wird der Unterhalt normalerweise in der Planung mitgedacht, da Unterhaltsmassnahmen im Strassennetz aufeinander abgestimmt werden müssen. 

Im Hochbau, insbesondere bei privaten Bauherrschaften, wird die Instandhaltung leider oft vernachlässigt. Viele Immobilienbesitzer reagieren oft erst, wenn ein Mangel offensichtlich ist. Dass beispielsweise ein Dach nach 20 Jahren nicht mehr dicht ist, ist eigentlich absehbar, da eine Abdichtung nur eine begrenzte Lebensdauer hat. Irgendwann ist eine Instandsetzung nötig, das ist bei allen Bauteilen so.

Sichtbetonfassade mit Schadstellen
Viele Gebäude mit Sichtbetonfassaden aus den 1970er Jahren müssen saniert werden, weil der Bewehrungsstahl im Innern rostet.
Wie lange hält ein heute gebautes Tragwerk?

Roger Dietschweiler: Ein heute gebautes Tragwerk eines Gebäudes kann problemlos 100 Jahre und mehr überstehen. Die Zyklen für andere Bauteile, etwa die Gebäudehülle, sind viel kürzer. Es ist aber in der Regel nicht der Zustand, sondern die veränderten Nutzungsansprüche, die das Ende eines Bauwerks bedeuten.

Woran «stirbt» ein Bauwerk?

Ein Bauwerk stirbt nicht. Es wird bedeutungslos – wenn seine Nutzung obsolet wird, wenn es keinen wirtschaftlichen oder ideellen Nutzen mehr hat. Wenn es nur noch eine Materialhalde ist. Dann ist Re-use die letzte Option.

Kann Altes Vorteile haben?

Roger Dietschweiler: Ja. Was alt ist und noch funktioniert, hat sich konstruktiv bewährt. Hält eine Konstruktion schon 50 Jahre, ist die Chance gross, dass sie nochmals 50 Jahre unbeschadet übersteht. Alle konstruktiven Mängel wären in der Zwischenzeit ersichtlich geworden. Eine bewährte Konstruktion ist etwas Werthaltiges, und Werthaltiges sollte man nicht ohne Not zerstören. 

Neue Impulse für Ihre Immobilien?
«Werthaltiges sollte man nicht ohne Not zerstören.»
Ist es immer nachhaltiger, ein Bauwerk zu erhalten?

Roger Dietschweiler: Die einfache Antwort lautet: Ja. Doch das muss man immer projektspezifisch betrachten. Wir können mit der Ökobilanzierung verschiedener Varianten prüfen, ob ein Neubau oder der Erhalt mehr CO2-Emissionen einspart. In der Tragwerksplanung machen wir das recht oft, und da sieht man grundsätzlich: Je weniger Eingriffe in den Rohbau, desto nachhaltiger. Oft werden Gebäude unnötigerweise abgerissen, weil ein Defizit vermutet wird oder ein Neubau einfacher scheint als das Weiterbauen im Bestand. Es braucht Hirnschmalz, um etwas zu erhalten.

Gibt es weitere Gründe, etwas zu erhalten?

Roger Dietschweiler: Es gibt viele Gründe, etwas zu erhalten und weiterzubauen. Im Bestand steckt bereits viel: Geschichte, Identität, Material und Energie. Der gesellschaftliche oder kulturelle Wert kann ein Grund sein: Ein Gebäude, das seit Jahrzehnten in einem Ortskern steht, schafft Identität. 

Ausserdem: Umnutzungen eröffnen Chancen. Nehmen wir als Beispiel einen Industriebau mit hohen Räumen und Decken, die das Zehnfache eines Wohngebäudes tragen. In so einem Gebäude lassen sich Träume verwirklichen. Da werden Zwischendecken möglich, Podeste, diagonale Blickbezüge, es gibt viel Platz für Haustechnik. Dinge, die man sich nicht leisten könnte, wenn man ein neues Wohngebäude bauen würde. Altes kann eine Ressource, ein Reichtum sein.

Roger Dietschweiler in seinem Haus
«Altes kann eine Ressource sein.» Roger Dietschweiler, Spezialist für Bauwerkserhalt.
Wenn du 30 Jahre in die Zukunft blickst, wie werden wir dann bauen?

Roger Dietschweiler: Wir werden wieder einfacher und mit weniger Material bauen, weil Energie teuer und Ressourcen nicht mehr so einfach verfügbar sind. Wir werden mehr auf Wiederverwendbarkeit achten, und darauf, dass sich Materialien wieder trennen lassen. Das heisst zum Beispiel, dass Bauteile weniger geklebt, sondern mehr gefügt werden.