Bahnanlagen digital managen: Ein Leitfaden als Starthilfe

Bei grossen Bahnunternehmen ist ein digitales, integriertes Management ihrer Bahnanlagen Standard. Auch immer mehr kleinere Bahnen spüren den Bedarf, ihr Datenmanagement zu verbessern. Für sie hat Basler & Hofmann einen Leitfaden entwickelt, der als Starthilfe zur Digitalisierung des Anlagenmanagements dient. Wir haben den Projektleiter Nicolas Schmidt zu den Hintergründen befragt.
Geleise, Fahrleitungen, Signale, Stellwerke und andere Sicherheitsanlagen, aber auch Ingenieurbauwerke wie Brücken, Tunnel und Werkleitungen müssen Tag und Nacht sicher funktionieren. Bei den Bahnunternehmen dafür verantwortlich ist der Bereich Anlagenmanagement. Er sammelt und bewirtschaftet Daten zum Zustand der Anlagen. Die Digitalisierung ermöglicht ein einfacheres Datenmanagement und optimierte Entscheidungen auf Datenbasis. Diese Chance wollen auch kleinere Schweizer Bahnunternehmen packen, wie Nicolas Schmidt, Leiter Geoinformatik bei Basler & Hofmann sagt.
Nicolas, dein Team aus der Geoinformatik hat gemeinsam mit Fachleuten von acht Bahnunternehmen den Leitfaden «Digitalisierung im Anlagenmanagement» entwickelt. Worum geht es dabei?
Nicolas Schmidt: Der Leitfaden hilft Bahnunternehmen dabei, sich einen systematischen Überblick zu verschaffen, wo sie im Anlagenmanagement stehen und wo konkret ein Handlungsbedarf besteht. Der Leitfaden zeigt Schritt für Schritt, welche Themen geklärt werden müssen, bevor Entscheidungen für ein technisches System zur Digitalisierung getroffen werden.
Wie habt ihr gemerkt, dass kleinere Bahnunternehmen Unterstützung bei der Digitalisierung suchen?
Basler & Hofmann ist seit vielen Jahren im Bahnbau, Infrastrukturmanagement und im Bereich Bahn-GIS tätig. Wir stehen als Ingenieur- und Planungsunternehmen im Austausch mit vielen Bahnbetreiberinnen. Vor 20 Jahren haben wir die «Datenbank fester Anlagen « (DfA) entwickelt, das zentrale Geoinformationssystem (Bahn-GIS) der SBB und weiterer grosser Bahnen in der Schweiz. Der Leitfaden konzentriert sich nun auf die Bedürfnisse kleiner und mittlerer Eisenbahnunternehmen. Er ist das Resultat eines Strategie-Austauschs, zu dem Basler & Hofmann einige Betriebe eingeladen hat. Im Austausch wurde klar, dass viele kleinere Bahnen an einem ähnlichen Punkt stehen: Sie wollen ihr Anlagenmanagement stärker digitalisieren.
Warum möchten diese Bahnen ihr Anlagenmanagement digitalisieren?
Wie die grossen Bahnunternehmen wollen – und müssen – auch die kleinen Eisenbahnen den Zustand ihrer Anlagen sehr genau kennen, um die Sicherheit gewährleisten und Investitionen besser planen zu können. Und wie alle Infrastrukturbetriebe müssen auch kleine Bahnen regelmässig einen «Netzzustandsbericht» beim Bundesamt für Verkehr einreichen. So einen Gesamtüberblick über alle Anlagen zusammenzustellen, ist herausfordernd. Wir sprechen teils von über 100 Kilometer Geleisen inklusive Fahrdrähten, Leitungen, Signalen und vielen weiteren Anlagenelementen.
Wie handhaben die kleinen Bahnunternehmen ihr Anlagemanagement denn heute?
Die Bahnbetriebe haben Streckenläufer, die etwa alle zwei Wochen die Geleise abmarschieren, um deren Zustand zu kontrollieren. Die Streckenläufer halten ihre Beobachtungen teils noch mit Papier und Excellisten fest. Sehr viel Wissen über den Zustand ist heute auf Listen und technische Insellösungen verteilt oder steckt in den Köpfen der Fachleute, die für die Anlagen verantwortlich sind. Die einzelnen Fachdienste wie zum Beispiel Fahrbahn oder Fahrdraht haben ihre Anlagen im Griff. Es fehlt aber der Gesamtüberblick und eine nachhaltige und verlässliche Datenhaltung. Vor allem das Management hat ein grosses Bedürfnis, dass dieses Wissen nicht nur in den Köpfen, verschiedensten Listen oder in Insellösungen liegt, sondern in einem zentralen System zusammengeführt wird.
Wie hilft der Leitfaden diesen Bahnunternehmen weiter?
Der Leitfaden zeigt die wichtigsten Aspekte auf, an die man denken muss, wenn man das Anlagenmanagement stärker digitalisieren und integrieren will. Er zeigt, welche Themen zuerst geklärt sein müssen, bevor überhaupt ein System- oder Beschaffungsentscheid fallen kann. In den Leitfaden sind drei Perspektiven eingeflossen: Jene der Führung, jene der Regulierung und jene der Verantwortlichkeit. Die Führung benötigt eine Gesamtsicht des Anlagenzustands, um strategische und finanzielle Entscheidungen treffen zu können. Die Regulierung der Bahnen zielt auf einen sicheren, effizienten und flächendeckenden Bahnverkehr und definiert für die Anlagen entsprechende Vorgaben, die eingehalten werden müssen. Die Perspektive der Verantwortung definiert, wer für welche Bereiche zuständig ist - und damit auch verantwortet, wenn etwas schief geht - und wie zusammengearbeitet wird.
Welche wichtigen Aspekte sollten Bahnunternehmen zuerst klären?
Wir haben sechs zentrale Aspekte identifiziert, die den Bahnen helfen, zu erkennen, wo sie heute stehen und was sie optimieren könnten. Der Leitfaden führt in Form einer Checkliste durch diese sechs Aspekte. Der Leitfaden führt von der Datenerfassung zur Datenaggregation, Diagnosefähigkeit, Massnahmenplanung, Organisation und Lebensdauer des Anlagemanagements. Ein ganz wichtiger Aspekt ist die Diagnosefähigkeit.
Was ist mit der Diagnosefähigkeit gemeint?
Dass das System aus den unterschiedlichen Datenquellen verlässliche und aussagekräftige Informationen zum Zustand der Anlagen generieren kann. Das Anlagenmanagement muss jederzeit in der Lage sein, die Zustände seiner Anlagen korrekt zu bewerten, Risiken zu erkennen und daraus Massnahmen abzuleiten. Es muss voraussagen können, wann welche Unterhaltsarbeiten fällig werden, so dass sich Investitionen kurz, mittel- und langfristig planen lassen.
Wie sieht das Anlagenmanagement der Zukunft deiner Meinung nach aus?
Viele Bahnen haben die Vision, über ein zentrales IT-System zu verfügen, in dem alle Zustandsinformationen von Sensoren, Befahrungen und Begehungen permanent zusammenlaufen und in Form von Auswertungen, Kennzahlen, Karten und Berichten einfach, empfängergerecht und in Echtzeit verfügbar sind. Sie wünschen sich einen digitalen Zwilling ihrer Bahnanlage. Der Weg dahin ist lang und muss gut überlegt sein. Es gibt nicht die eine Superlösung für alle Bahnen. Die unternehmensspezifischen Rahmenbedingungen wie Prozesse, Führungskultur, Organisationsform, bestehende Systeme und Datenquellen müssen berücksichtigt werden. Wir empfehlen die Erarbeitung einer Roadmap, bei der man klein anfängt und sich dem Zielsystem Schritt für Schritt annähert.
Wie geht es mit dem Leitfaden weiter?
Der Leitfaden «Digitalisierung im Anlagenmanagement» kann kostenlos heruntergeladen und ausprobiert werden. Wir hoffen, dass er für kleinere und mittlere Bahnunternehmen den ersten Schritt hin zu einem integrierten, digitalen Anlagenmanagement erleichtert. Wir sind gespannt auf die Rückmeldungen. Jedes Feedback ist willkommen.
Case Study: Die SZU stellt die Weichen auf Digital
Die Sihltal Zürich Uetliberg Bahn (SZU) rechnet mit einer Verdoppelung des Fahrgastaufkommens in den nächsten Jahren. Um mit diesem Wachstum Schritt zu halten, suchte sie eine Lösung, um ihr Anlagenmanagement effizienter zu gestalten und ihre Reportings zu automatisieren. Die SZU setzte dabei auf Digitalisierung – und implementierte zusammen mit Basler & Hofmann ein Bahn-GIS.
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