Sicherheit für ein Baudenkmal: Brandschutz beim Zürcher Grossmünster

Wie lässt sich ein Baudenkmal vor Feuer schützen, ohne zu stark in das Kulturgut und seine Nutzung einzugreifen? Aktuell wird das Zürcher Grossmünster saniert. Basler & Hofmann ist für die Brandschutzplanung zuständig. Es gilt, Vieles zugleich zu ermöglichen: die Personensicherheit, den Schutz der historischen Bausubstanz, den Besucherbetrieb und eine Grossbaustelle. Unsere Fachleute gehen dabei von den konkreten Risiken aus.
Der Fahrer des Feuerwehrlastwagens leistet Millimeterarbeit. Noch einmal blickt er in den Rückspiegel, setzt zurück. Wird er es schaffen, sein Einsatzfahrzeug durch die kleine Lücke zwischen den Stein-Pollern hindurch bis ans Grossmünster zu fahren? Noch etwas Zirkeln – und es gelingt: Das Fahrzeug aus Kloten erreicht das Grossmünster am Zwingliplatz in Zürich. Die Leiter wird ausgefahren. Mit 53 Metern ist es die längste Feuerwehrleiter im Kanton.
Vor-Ort-Test der Rettungsmöglichkeiten im Brandfall
An diesem Morgen im Juli 2026 findet ein «Fahr- und Anleitertest» am Grossmünster statt. Die Berufsleute vor Ort – Vertreterinnen und Vertreter der Feuerwehr und Feuerpolizei, der kantonalen Baudirektion, der Kirchgemeinde und die Brandschutzfachleute von Basler & Hofmann – sind gespannt: Ist die längste Leiter der Feuerwehr lang genug, um die Türme des Grossmünsters im Falle eines Notfalls zu erreichen?
Jakob Studhalter, Brandschutzexperte bei Basler & Hofmann, steigt zusammen mit drei weiteren Fachleuten in den Rettungskorb der Leiter. Der Korb bewegt sich in die Höhe. Als die 53 Meter lange Leiter ausgefahren ist, reicht sie bis zum Geländer der Besucherplattform. Eine Rettung von Menschen wäre also möglich – jedoch zeitaufwändig. Bis das Feuerwehrauto aus Kloten hierher gefahren und durch die enge Zufahrt gezirkelt ist, vergeht wertvolle Zeit.
Der Test liefert eine wichtige Erkenntnis für die Brandschutzplanung: Die Rettung über die Feuerwehrleiter funktioniert grundsätzlich, steht aber vielleicht nicht schnell genug zur Verfügung. Gefragt sind deshalb ergänzende Massnahmen für den Brandschutz.
Sanierung mit Kunstinstallation am Grossmünster
Das Zürcher Grossmünster wird bis 2028 umfassend saniert. Das über 900 Jahre alte Baudenkmal wird etwa alle 50 Jahre instandgesetzt. Basler & Hofmann ist im Auftrag des kantonalen Hochbauamtes für die Brandschutzplanung zuständig.
Jakob Studhalter und sein Team konzentrierten sich bei der Erstellung des Brandschutzkonzepts zunächst auf die Innenräume. Doch dann wurde klar, dass während der Sanierung der Fassade Kunst am Gerüst installiert werden sollte. Die Künstlerin Shirana Shahbazi durfte das Gerüstnetz mit Foto-Collagen ausstatten. Damit rückte die Aussen-Baustelle stärker in den Fokus der Brandschutzfachleute.
Um das Brandrisiko an der Fassadenbaustelle zu minimieren, erstellten sie im Auftrag der Bauherrschaft ein spezifisches «Konzept Brandschutz während der Bauzeit». Damit stellten sie unter anderem sicher, dass die Künstlerin für die Gerüstverkleidung nur schwer brennbares Material verwendete.
Brandschutz für ein viel besuchtes Kulturgut
Das Zürcher Grossmünster ist keine gewöhnliche Baustelle. Das Gebäude ist 64 Meter hoch, stark besucht und als Baudenkmal besonders schützenswert. Das Grossmünster stellt damit hohe Anforderungen an den Brandschutz:
- Als Baudenkmal ist es ein besonderes Schutzgut, dessen Bauweise nicht den heutigen Brandschutznormen entspricht. Eingriffe und Installationen sollen möglichst schonend und abgestimmt auf die Anliegen des Denkmalschutzes erfolgen.
- Das grösste Brandrisiko entdeckten unsere Fachleute im Dachstuhl und den Türmen: Der Dachstuhl besteht aus bis zu 800 Jahre alten Holzbalken und erstreckt sich über einen rund 1500 m2 grossen Raum – ein Feuer könnte sich schnell über eine grosse Fläche verbreiten. Aus Holz sind auch die Turmtreppen, und im Karlsturm befindet sich in grosser Höhe eine Besucherterrasse, die täglich von Dutzenden Gästen besucht wird.
- Die Kirche wird bei laufendem Betrieb saniert: Sie bleibt in der Bauphase offen für Kirchenbesuche, Touristinnen und Touristen.
- Im Kirchenschiff sollen auch in Zukunft Grossveranstaltungen mit über 1000 Gästen sicher durchführbar sein.
- Das Besuchserlebnis im Gotteshaus soll möglichst wenig durch Brandschutzmassnahmen getrübt werden. Das spricht beispielsweise gegen ständig leuchtende Rettungszeichen.
Brandschutz kann auch Denkmalschutz sein
Für Jakob Studhalter und sein Team bedeutet das: Sie müssen ein Brandschutzkonzept erstellen, das Zielkonflikte unter einen Hut bringt.
Matthias Wegmann, leitender Experte Brandschutz bei Basler & Hofmann, beschreibt die Herausforderung so: «Die geltenden Brandschutzvorschriften sind für Standardgebäude gemacht; sie sind auf den Personen- und Gebäudeschutz ausgerichtet, nicht auf den Denkmalschutz. Da kann es zu Zielkonflikten kommen, vor allem zwischen der Personensicherheit und dem Denkmalschutz.» Eine Massnahme, die die Personensicherheit nur geringfügig erhöht, sollte nicht gleichzeitig stark ins Baudenkmal eingreifen. Umgekehrt darf der Schutz der historischen Substanz nicht dazu führen, dass reale Brandrisiken unberücksichtigt bleiben.
«In Baudenkmälern sind die Voraussetzungen für den Brandschutz oft gar nicht so schlecht,» erklärt Jakob Studhalter. Die Bauten entsprechen zwar nicht den heutigen Normen, das heisst aber nicht, dass sie per se unsicherer sind.
Entscheidend ist, die Chancen und Risiken des Bestehenden zu erkennen. «Brandschutz kann auch Denkmalschutz sein,» ist Jakob überzeugt. Matthias ergänzt: «Wirksamer Brandschutz ist für uns mehr als die Einhaltung der Brandschutzvorschriften. Wir verstehen darunter wortwörtlich den Schutz vor Bränden, ausgehend von den realen Risiken vor Ort.»
Grosse Dachstühle können ein Risiko darstellen
Die aktuellen Brandschutzvorschriften stellen beispielsweise an Dachtragwerke keine Anforderungen. Im Grossmünster sind mit dem Dachstuhl jedoch erhebliche Brandrisiken verbunden: Aufgrund der Grösse des Dachraums und seiner schwierigen Zugänglichkeit wäre ein Brand für die Feuerwehr schwer zu bekämpfen.
Wie verheerend ein Feuer in einem grossen Dachgestühl wirken kann, hat nicht zuletzt der Grossbrand der Kathedrale Notre-Dame in Paris im Jahr 2019 der Welt vor Augen geführt. Im Fall des Grossmünsters empfahlen unsere Fachleute daher den Einbau einer automatischen Löschanlage, die ein Feuer im Dachstuhl bereits in der Entstehungsphase erkennen und bekämpfen würde. Bei Alarm würde sie in Dach und in Türmen automatisch Wasser versprühen. So lässt sich verhindern, dass ein Feuer sich zu einem Grossbrand entwickelt.
Herausforderung im Bestand: Fluchtwege
Eine häufige Herausforderung in Baudenkmälern sind die Fluchtwege. Aufgrund der historischen Bauweise sind beispielsweise die Treppen zu eng, um gemäss den heutigen Brandschutznormen als Fluchtwege gelten zu können. So auch im Zürcher Grossmünster. Aus Gründen des Denkmalschutzes werden die Treppen dort aber nicht einfach verbreitert.
«Wir entwickeln ein Konzept, das mit den bestehenden Treppen arbeitet, um im Brandfall eine sichere Flucht zu gewährleisten», erklärt Jakob. Teil des Konzepts sind auch organisatorische Massnahmen wie etwa Fluchthelfer, die bei Grossanlässen im Einsatz stehen. Ausserdem macht sich der Brandschutz die Raumhöhe des Kirchenschiffs zunutze: Da der Raum sehr hoch ist, bildet sich die Rauchschicht weit oben, sodass genug Zeit besteht, um die Menschen sicher zu evakuieren.
Sicherheitsaudit auf der Baustelle
Die oben erwähnte automatische Löschanlage und die Fluchtmassnahmen sind für den Normalbetrieb der sanierten Kirche gedacht. Während der Bauphase braucht es zusätzliche Vorsichtsmassnahmen, denn gerade auf Baustellen ist das Brandrisiko gross (siehe Experteninterview).
Um zu prüfen, ob die Massnahmen des Baustellen-Brandschutzkonzepts tatsächlich umgesetzt werden, steht Jakob wenige Tage nach dem Feuerwehr-Test wieder auf den Baugerüsten des Grossmünsters. Er trifft sich mit dem verantwortlichen Bauleiter Fabian Hunziker von Martini Schäfer Baumanagement zu einem Rundgang. Mit dem Brandschutzkonzept in der Hand prüft Jakob unter anderem: Liegt Material herum, das sich entzünden könnte? Sind die Fluchtwege frei, auch auf den Gerüsten? Werden Heissarbeiten – zum Beispiel Schweissen – in definierten Zeitfenstern und mit Brandwachen durchgeführt?
Die beiden fahren mit dem Baustellenlift den Fassaden des Grossmünsters entlang hoch. Oben bei einer Turmkuppel, riecht es nach frischer Farbe.
Ein Maler ist an der Arbeit. Jakob geht zu ihm hin fragt: «Wo habt ihr euer Farblager?». Der Maler antwortet: «Wir nehmen nur mit aufs Gerüst, was wir brauchen». Aus Brandschutzgründen ist das gut, denn Farben und Lacke können leicht entzündlich sein. Weiter erkundigt sich Jakob: «Wissen Sie, wo der nächste Feuerlöscher ist?» Auch das weiss der Maler. Positiv fällt auch auf: Auf den Gerüstebenen zeigen Aushänge, wo Feuerlöscher oder Elektroverteiler bereitstehen. Elektrogeräte sind ein Risikofaktor. Darum besichtigt Jakob auch diese Geräte genau.
«Oft ist beim Brandschutz mit wenig Aufwand viel erreichbar», sagt Jakob Studhalter. Organisatorische Massnahmen, wie Feuerlöscher an neuralgischen Stellen oder ein Aushang mit Notfallnummern, bringen oft schon viel.
Eine Stunde später hat Jakob sein Audit am Grossmünster beendet. Er lobt den Bauleiter: «Wir haben hier eine vorbildliche Ordnung angetroffen». Die Bauarbeitenden, auch das Sigristenteam und das Team für Besucherführungen, seien gut informiert. Das Ein- und Ausschalten der Brandmeldeanlage wird ordnungsgemäss dokumentiert. Nur die Werkstatt der Zimmerleute konnte Jakob an diesem Tag nicht besichtigen, weil dort niemand arbeitete. Diese Qualitätskontrolle wird Jakob beim nächsten Baustellenbesuch nachholen.
Standardlösungen greifen zu kurz
Das Grossmünster zeigt, was Brandschutz bei einem Baudenkmal bedeutet: Standardlösungen greifen zu kurz. Gefragt sind Fachleute, die das Gebäude und seine Nutzung verstehen, Risiken realistisch beurteilen und gemeinsam mit der Bauherrschaft, Bauleitung, Behörden und weiteren Beteiligten zielführende Lösungen entwickeln. So schützt Brandschutz nicht nur Menschen – sondern auch ein Bauwerk, das seit dem Mittelalter zur Geschichte Zürichs gehört.
Mehr zu Brandschutz und Denkmalschutz: Fachartikel »Denk mal Brandschutz!» Quelle: SSI-Magazin 2025,. S.10ff
Zum Brandschutz auf Baustellen: Experteninterview mit Matthias Wegmann und Jakob Studhalter


