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«Auf Baustellen sind organisatorische Massnahmen für den Brandschutz wichtig»

Matthias Wegmann und Jakob Studhalter
Beraten in Sachen Sicherheit und Brandschutz: Matthias Wegmann und Jakob Studhalter

Baustellen bergen ein erhebliches Brandrisiko. Unsere Experten Matthias Wegmann und Jakob Studhalter erzählen, welche gefährlichen Situationen sie schon gesehen haben. Dabei muss Brandschutz auf Baustellen weder kompliziert noch teuer sein. Oft können schon einfache organisatorische Massnahmen viel bewirken.

Matthias Wegmann und Jakob Studhalter beraten bei Basler & Hofmann öffentliche und private Bauherrschaften im Brandschutz. Sie entwickeln Brandschutzkonzepte für Neubauten, begleiten aber auch komplexe Umbauten und Instandsetzungen. Dabei setzen sie auf einen risikobasierten, verhältnismässigen und bedarfsgerechten Brandschutz.

Als 2019 der Brand der Kathedrale Notre-Dame de Paris ausbrach, liefen Renovationsarbeiten. Auch die Alte Börse in Kopenhagen brannte in einer Bauphase. Wird die Brandgefahr auf Baustellen unterschätzt?

Matthias Wegmann: Eindeutig ja. Grosse, verheerende Brände entstehen oft in der Bauzeit, also dann, wenn die Schutzmassnahmen für den späteren Betrieb des Gebäudes noch nicht implementiert sind. In der Bauzeit wird der Brandschutz oft vernachlässigt, dabei ist das Brandrisiko in der Bauphase am höchsten. Der Brandschutz auf Baustellen ist in der Regel schlechter als im fertigen Gebäude.

Wie häufig sind Brände auf Baustellen in der Schweiz?

Jakob Studhalter: Häufiger, als man denkt. Laut der Vereinigung Kantonaler Feuerversicherungen (VKF) kommt es in der Schweiz täglich zu mindestens einem Brand auf einer Baustelle. Und auch die grössten Sachschäden durch Brände entstehen oft in der Bauzeit.

Warum mangelt es teils am Brandschutz auf Baustellen?

Matthias: In Brandschutzkonzepten stehen oft technisch-bauliche Massnahmen im Vordergrund. Auf einer Baustelle hingegen sind vor allem organisatorische Massnahmen für den Brandschutz wichtig. Zum Beispiel, dass Ordnung auf der Baustelle herrscht und keine brennbaren Gegenstände herumliegen. Das Organisatorische hängt vom Menschen ab, und da gibt es noch Luft nach oben. Häufig würde es schon helfen, einfach mal aufzuräumen.

Jakob: Es ist die Ausnahme, dass der Brandschutz so gut organisiert ist wie aktuell auf der Baustelle des Grossmünsters in Zürich. Beim Grossmünster ist das Level handwerklicher Sorgfalt hoch. Auf vielen anderen Baustellen haben wir schon anderes angetroffen. Der Zeitdruck ist oft so gross, dass der Brandschutz die letzte Priorität bekommt. Da lässt man den Keil unter der Brandschutztüre halt mal liegen, will keine Zeit mit dem Umplatzieren von Feuerlöschern verlieren, und will die Baustelle nicht verlassen, um zu rauchen. 

Kontrollgang Brandschut auf Baustelle
Jakob Studhalter (hinten) bei einem Kontrollgang auf der Baustelle des Zürcher Grossmünsters: Der Baustellen-Brandschutz ist hier gut organisiert.
«Eine häufige Gefahrenquelle auf Baustellen sind Akkus.»

Welche gefährlichen Situationen auf Baustellen habt ihr schon angetroffen?

Jakob: Ich denke da an eine Baustelle in einem Einkaufszentrum, wo Vieles im Argen lag: Die Brandmeldeanlage war ausgeschaltet. Gleichzeitig wurde auf der Baustelle geraucht, obwohl ein absolutes Rauchverbot galt. Und es herrschte absolute Unordnung; Fluchtwege waren mit Material zugestellt und versperrt. Die Feuerwehr hätte Schwierigkeiten gehabt, zu einem Brandherd vorzudringen. Als Brandschutzfachmann habe ich die Verantwortlichen darauf aufmerksam gemacht und Massnahmen zur Behebung dieser Mängel vorgeschlagen.

Was sind typische Brandauslöser auf Baustellen?

Matthias: Heissarbeiten sind ein Gefahrenfaktor: Arbeiten wie Schweissen, Löten oder der Einsatz von Gasbrennern zum Verschweissen von Bitumen. Da kann es zu Funkenwurf kommen oder später zu Schwelbränden. Andere typische Brandauslöser auf Baustellen sind das Rauchen und elektrische Kurzschlüsse.

Jakob: Eine häufiger gewordene Gefahrenquelle auf Baustellen sind Akkus. Früher wurden eher Geräte mit Kabel verwendet, heute sind es solche mit Akkus, zum Beispiel Bohrmaschinen und Schrauber. Durch Beschädigungen, falsche Ladegeräte oder Überhitzung beim Laden von beschädigten Akkus können Brände entstehen. Interne Kurzschlüsse können bei Akkus einen Thermal Runaway auslösen, eine unkontrollierbare Kettenreaktion, bei der immer mehr Wärme erzeugt wird, bis der Akku brennt oder explodiert. Akkus sollten immer in einer nicht brennbaren Umgebung geladen werden, eben nicht neben einem Kübel leicht entzündbarer Farbe. 

Kennen die Bauherrschaften diese Risiken auf Baustellen?

Matthias: Nicht alle. Für viele Bauherrschaften hat der Brandschutz aber einfach eine niedrige Priorität. Dem Brandschutz haftet das Vorurteil an, dass er viel Geld kostet, Freiheiten einschränkt und lästige Vorschriften beinhaltet. 

Jakob: Während der Bauzeit kommt hinzu, dass nicht die Bauherren oder Betreiber der Gebäude für den Brandschutz verantwortlich sind, sondern die Bauunternehmungen und die Bauleitung. Die Verantwortung wird vertraglich delegiert. Die Bauunternehmen stehen oft unter grossem Kosten- und Zeitdruck, was den Brandschutz nicht fördert. Gleichzeitig haben sie ein Interesse daran, dass es auf der Baustelle nicht brennt. Unter dem Strich stellen wir einfach fest: Es gibt Baustellen, wo Sorgfalt beim Brandschutz herrscht, und andere, wo Einiges zu verbessern ist.

«Wir thematisieren den Brandschutz auf Baustellen in jedem unserer Brandschutzkonzepte.»

Wie unterstützt ihr die Bauherrschaften dabei, ihren Brandschutz auf Baustellen zu verbessern? 

Jakob: Wir thematisieren den Brandschutz auf Baustellen in jedem unserer Brandschutzkonzepte. Das gehört einfach dazu. Wir schlagen einen adäquaten, objektgerechten Brandschutz vor, auch für die Bauphase. Bei einem einfacheren Projekt wie einem Mehrfamilienhaus genügt es oft, die wichtigsten Regeln und die Zuständigkeiten zu kommunizieren.

Matthias: Das Bauen wird durch das Baustellen-Brandschutzkonzept im Normalfall nicht teurer. Brandschutz muss nicht teuer sein: Es reicht oft, die wichtigsten Grundsätze mit der Bauleitung zu besprechen. Ordnung zu halten, ist auch nicht teuer. Löschmittel oder Brandabschottungen lassen sich mehrfach verwenden, sie müssen nicht immer wieder neu beschafft werden.

Wenn es doch einen Bedarf für zusätzliche Massnahmen gibt und wir ihn begründen können, sind die Bauherrschaften oft dankbar und bereit, die Zusatzkosten, etwa für provisorische Brandschutzwände, in Kauf zu nehmen.

Impulse für Immobilien und Bauprojekte.
«Brandschutz muss nicht teuer sein.»

Welche einfachen Massnahmen auf Baustellen bringen besonders viel?

Matthias: Ordnung halten. Keinen Abfall herumliegen lassen. Die Türen und Treppenhäuser dürfen nicht mit brennbarem Baumaterial zugestellt werden. Fluchtwege müssen jederzeit gewährleistet sein.

Jakob: Wichtig sind auch freie Zugänge für die Feuerwehr: Fahrzeuge und Geräte dürfen nicht am falschen Ort parkiert werden. Natürlich braucht es ein Rauchverbot auf der Baustelle, sobald der Rohbau erstellt ist. Bei Heissarbeiten sind Vorsichtsmassnahmen zu treffen, beispielsweise bestimmte Zeitfenster einzuhalten und sicherzustellen, dass nichts mehr glimmt. Löschwasser muss in nützlicher Distanz vorhanden sein für den Fall, dass etwas schiefgeht.

Sicherheitsaushang auf Baustelle
Einfache Aushänge wie dieses Infoblatt können die Sicherheit auf Baustellen erhöhen. Dieser Aushang zeigt an, dass auf dieser Gerüste-Ebene ein Feuerlöscher, Strom und Wasser vorhanden sind.
Was ist eure Philosophie beim Brandschutz?

Jakob: Brandschutz muss bedarfsgerecht sein. Es geht nicht darum, stur auf Richtlinien zu beharren, sondern objektspezifische und angemessene Massnahmen zu finden, die das eigentliche Ziel erreichen: den Brandschutz, insbesondere den Schutz der Personen.

Aus der Katastrophe von Crans Montana könnte man folgern, dass es mehr Vorschriften und Kontrollen im Brandschutz braucht. Wie seht ihr das?

Matthias: Neue Vorschriften oder mehr Kontrollen bringen nicht zwingend mehr Sicherheit. Was es braucht, ist eine Kontrolle der entscheidenden Risiken. Mehr Kontrollen können sogar kontraproduktiv sein, weil sie dazu führen können, dass die Eigentümerschaften ihre Verantwortung weniger wahrnehmen. Entscheidend ist aus meiner Sicht nicht, möglichst viele Vorschriften und Kontrollen zu haben, sondern die richtigen. Am wichtigsten ist zuallererst das Problemverständnis. Brandschutz ist nur wirksam, wenn die zentralen Risiken des Objekts erkannt und dafür Lösungen gefunden und implementiert wurden. Das Befolgen von Normen und Vorschriften allein ist oft nicht zielführend. Das gilt insbesondere bei Umbauten unter laufendem Betrieb oder Baudenkmälern. Bei solch komplexen Projekten braucht es einen massgeschneiderten, risikoorientierten Brandschutz.

«Überall dort, wo ein Gebäude nicht dem Standard entspricht, kann man eine spezifische Lösung für den Brandschutz finden.»
Matthias Wegmann, Leitender Experte

Sind die Normen in der Schweiz zu wenig auf Umbauten ausgerichtet?

Matthias: Normen lösen Standardprobleme und sind im Bauwesen auf Neubauten ausgerichtet. Aber gerade bei Umbauten, bei Instandsetzungen von Baudenkmälern oder speziellen Gebäuden wie Industrieanlagen oder Logistikbauten gibt es andere Brandrisiken als die Standardrisiken. Dafür muss man massgeschneiderte Lösungen finden.

Jakob: Nehmen wir zum Beispiel ältere Schulhäuser. Früher wurden Schulhäuser oft mit einem Atrium mit Treppenaufgang in Gebäudemitte gestaltet (siehe Bild). Dies ist gemäss heutigen Brandschutznormen keine Fluchttreppe, weshalb häufig Aussentreppen angebaut werden. Aber es ist doch schade, Aussentreppen an historisch wertvolle Gebäude zu bauen, wenn risikobasiert nachgewiesen werden kann, dass normabweichende ältere Treppenaufgänge durchaus als Fluchtwege dienen können. Andere Massnahmen als eine Aussentreppe könnten in solchen Gebäuden sogar zielführender sein. Das sind Probleme, die wir risikobasiert analysieren und lösen. In Brandschutzkonzepten zeigen wir dann auf, wie das Ziel Brandschutz allenfalls mit Alternativmassnahmen erreicht werden kann.

Atrium in Schulanlage Freudenberg, 1956-1961
Atrium eines Schulhauses aus den 1960-Jahren. Solche Treppenaufgänge erfüllen die heutigen Standardanforderungen an Fluchttreppen nicht.
Warum ist Brandschutz bei Umbauten und Instandsetzungen anspruchsvoller als bei Neubauten?

Matthias: Bei Umbauten ist die Bausubstanz oft weniger bekannt: Man stösst eher auf Überraschungen. Denn bei älteren Gebäuden ist oft unklar respektive nirgends dokumentiert, wie Wände und Decken aufgebaut sind.

Jakob: Bei Umbauten läuft zudem häufig der Gebäudebetrieb weiter, wie aktuell beim Grossmünster in Zürich, das während der Bauzeit weiterhin für den Kirchenbetrieb, Veranstaltungen und den Tourismus geöffnet ist. Bei Baustellen unter laufendem Betrieb ist das Brandrisiko höher. Hinzu kommt, dass bei Instandsetzungen tendenziell mehr Heissarbeiten stattfinden als bei Neubauten.

Feuerlöscher auf Grossmünster-Baustelle
Feuerlöscher müssen auf Baustellen an den richtigen Stellen platziert sein.
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